
19:10 Uhr. Ich bin wieder in der S-Bahn, muss ja arbeiten, es nützt nichts. „Hallihallo, ich verkaufe die Obdachlosenzeitung ‚Der Straßenfeger’“, höre ich mich sagen. An den Gesichtern der Fahrgäste kann ich schon ablesen, dass es wieder kein Geld geben wird. Ich schaue in müde, genervte Gesichter. „Sie kostet 1,20 Euro, davon geht die Hälfte an ein Obdachlosenprojekt, mit der anderen bestreite ich meinen Lebensunterhalt.“ Mit der linken Hand schwenke ich die Zeitung hin- und her, mit der rechten bin ich jederzeit bereit Kleingeld entgegenzunehmen. „Ein paar Cents würden mir jetzt schon enorm weiterhelfen, ich habe seit heute morgen nichts mehr gegessen“ – so der Spruch muss doch jetzt mal ziehen, das ist doch ein Klassiker. Ich erinnere mich noch genau an meine erste Woche auf der Straße, wo ich wirklich fast verhungert wäre, wenn mich Matthias – bei uns nur Münzen-Matze genannt – nicht zur Seite genommen und mir die Tricks der Branche erklärt hätte. „Wenn das mit der Zeitung nicht läuft, dann musst du die Mitleidsschiene fahren“, hatte er gesagt und mich immer wieder erinnert: „Traurig gucken nicht vergessen!“
19:12 Uhr. Kein Heft verkauft, nicht mal ein paar lumpige Cents haben die Fahrgäste für mich übrig. Neuer Waggon, neues Spiel. Andere Obdachlose haben sich ja eine ganz persönliche Masche angewöhnt: Thomas zum Beispiel kann ganz prima hinken und Martin vom Kottbusser Tor hat immer einen kleinen Hund mit dabei – sowas zieht natürlich mehr als mein trauriger Blick… „Ein paar Cents würden mir jetzt schon enorm weiterhelfen.“
19:15 Uhr. Da ist es: Eine junge Frau drückt mir einen Euro in die Hand, sagt noch rasch „kaufen sie sich was warmes zu essen“ und steigt aus. Ich jubiliere innerlich: Von wegen warme Mahlzeit, jetzt hole ich mir erstmal lecker Bier beim Plus. Stara Bohemia für 25 Cent plus 8 Cent Pfand. Für einen Euro kann ich mir drei Flaschen holen, das Bier ist ziemlich lecker und macht vor allem ordentlich betrunken. Ich steige an der nächsten Station aus und renne die Treppen wie im Sturm hinunter – das Wochenende kann beginnen!
Luca Dumont
Anmerkung: ‘Semmel’ hat in den Kommentaren zu Recht darauf hingewiesen, dass Plus um 22 Uhr schon zu hat, hab die Handlung nun auf kurz nach sieben Uhr abends verlegt.
4 Kommentare
28. April. 2007 um 11:11
Jaja, natürlich kauft er sich nichts zum Essen!
Gute Geschichte..beschreibt den Alltag der „Motz“- und „Straßenfeger“-Verkäufer denke ich mal treffend. Obwohl es sicher auch ein paar wenige gibt,die ehrlich sind.
Gruß,
Deborah
28. April. 2007 um 22:26
Die Geschichte ist genial
Deine Konnymaus
21. Mai. 2007 um 21:02
Hmm,
)
zu dem Plus will ich auch mal, wenn das um 22:15 noch offen hat. Wo isn das?
16. November. 2007 um 21:12
Mal ne frage….. kann man das gute Stara Bohemia auch in Hamburg erwerben? hab noch keinen Plus entdeckt wo das geführt wurde….