Short Story Slam: Happy Buddha (Luca Version)

Happy Buddha

Ich sah das Mädchen auf dem Bahnsteig in Richtung Karlsruhe wieder. Sie trug immer noch das gestreifte T-Shirt, das mich auf Grund der Musterung sofort unwillkürlich an Indien erinnert hatte. Ihr langer orangefarbener Rock reichte ihr fast bis zu den Schuhen. Über die Schulter trug sie eine große Umhängetasche, aus der das Kabel eines MP3-Players nach oben zu einem überdimensionierten Kopfhörer führte, der ihr Gesicht auf Grund seiner Größe umso kleiner erschienen ließ. Langsam ging ich auf sie zu und sprach sie an: „Hey, wir kennen uns doch, oder?“ Das war noch nicht einmal gelogen, hatte ich doch zwei Stunden zuvor in einem Chinarestaurant in der Bahnhofsgegend zu Mittag gegessen und mich beim Versuch die Reiskörner auf einem Stäbchen zu balancieren, ziemlich lächerlich gemacht. Sie saß am Tisch schräg gegenüber und hatte gelacht. Nun schaute sie mich aus ihren großen braunen Augen an und sagte mit weicher Stimme: „Ja kann schon sein, kann ich dir helfen?“ In diesem Moment wusste ich, dass ich gefunden hatte, was ich die ganze Zeit gesucht hatte. Mein Leben hatte eine neue Bedeutung bekommen, das schnöde Zusammenspiel aus Arbeit und Freizeit in Form einer allabendlich angehörten Techno-CD hatte ein Ende. Ja, ich hatte Happy Buddha endlich gefunden, und er war mir in Form einer Frau erschienen. Ich breitete meine Arme aus, wollte das neue Glück umarmen, es für einen winzigen Moment für mich behalten. Sie wich zurück, sah mich nun aus ängstlich-verwirrten Augen an. In diesem Moment begann der Vibrationsalarm meines Handys in der Tasche zu klingeln, ich kam wieder zur Besinnung.

An das nun folgende erinnere ich mich nur noch so, als wäre es ein Traum gewesen. Ich muss den Aktenkoffer fallen gelassen haben, denn als ich später in der Bahnhofsmission wieder zu mir kam, war er nicht mehr da. Dann muss ich nach Aussage der zwei liebenswerten Penner zusammengesackt auf den Boden gefallen sein, so als habe mich meine ganze Lebenskraft auf einmal verlassen. Das erste woran ich mich wieder erinnere, ist der brennende Geschmack des billigen Kornbrandes der sich aus dem engen Flaschenhals in meinen Rachen ergoß und mit dem mich die Beiden in das Reich der Lebenden zurückholten. Karl und Joachim sind jetzt meine besten Freunde, wir warten jeden Tag auf dem Bahnsteig nach Karlsruhe. Wir beobachten aufmerksam jeden Zug, aber bisher ist er uns noch nicht wieder begegnet. Happy Buddha, wann kommst du?

Luca DuMont

[Short Story Slam: Oktober 2006; Pflichtbegriffe: Flaschenhals, Aktenkoffer, Vibrationsalarm, Techno-CD, Reiskörner, Karlsruhe; Zeit: 20 Minuten + 10 Minuten Extra-Time]

Foto: Mrinkk (stock.xchng)

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Geschichten, Kurzgeschichten, Short Stories, Short Story Slam

Eine Antwort zu “Short Story Slam: Happy Buddha (Luca Version)

  1. Wow! Sogar als Hörartikel! Super… das wollte ich doch auch schon mal in mein Weblog integrieren!

    Gruß
    Deborah

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