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Kurz und schmerzhaft

Short Story Slam: Angst (Für sich, für Johann, für alle)

 Angst

Karin Racke kaute Kaugummi. Das tat sie immer. Ihre Kiefer bewegten sich wie das Kauwerk einer Kuh, jetzt produzierte ihr mürrischer roter Mund eine große grün-blaue Blase, die sie genussvoll platzen ließ. Es war zum Verzweifeln. Nicht nur dass er ihren Kaugummi-Konsum satt hatte. Nein, solange sie im Pförtnerhäuschen saß, konnte er unmöglich hinausschlüpfen. Die Angst stieg wieder in ihm hoch, kroch von seinen Schultern abwärts in die Magengrube, dass es ihn schmerzte. „Du weißt was sie mit Johann gemacht haben.“ Immer wieder musste er an die Worte Rackes denken, die ihm schmerzhaft in Erinnerung riefen, was mit seinem ehemals besten Freund passiert war. Und doch es musste sein. Für sich. Für Johann. Für Alle.

Langsam pirschte er sich an das Backsteingebäude heran, durch die großen Fenster konnte er Karin kauen sehen. Heute Nacht war die letzte Möglichkeit. Wenn die Schlafsäle wegen der Sache mit Johann erst ins Hauptgebäude verlegt worden waren, gab es kein Entrinnen mehr. Ihn fröstelte es. Kalter Schweiß lief ihm den Rücken hinunter, ein schmales Rinnsaal dass sich seinen Weg unter dem Nachthemd nach unten bahnte. Er fasste mit der Hand hin, alles nass. Sein Magen schmerzte noch immer, er wusste wenn es heute Nacht nicht klappte, wann dann? Wie weit war es bis ins nächste Dorf? Würden ihn die Menschen dort verstehen? Johann hatte keine Angst gehabt, Johann war ein Held. Gerade deshalb musste er es ihm nachtun. Für sich, für Johann, für alle.

Er kniete jetzt auf dem Boden, kroch vorsichtig vorwärts, links das ungepflegte Blumenbeet, rechts das helle Fenster der Racke über sich. Er glaubte ihr Kauen bis hier unten hören zu können. Es ekelte ihn. Die Hälfte hatte er geschafft, jetzt gab es kein zurück mehr. Vorwärts, vorwärts, für sich, für Johann, für alle, immer nur vorwärts! Der harte Betonboden scheuerte ihm die Jeans auf. War da nicht ein Geräusch vom Inneren des Häuschens? Alles in ihm krampfte sich zusammen. Wenn Karin ihn hier fände, wäre alles vorbei. Aus Angst wurde Verzweiflung. Irgendjemand von ihnen hatte es probieren müssen, sie hatten Streichhölzchen gezogen, gleich nach dem Abendessen, oben im Schlafsaal von Gebäude B. Er hatte den Kürzeren gezogen, musste es versuchen. Für sich, für Johann, für alle.

Eh er es sich versah, spürte er zur rechten die Kante des Backsteinbaus. Schweißüberströmt griff er nach der Ecke und zog sich in den rettenden Schatten. Geschafft, er war draußen, hatte es geschafft, war dem Terror der Anstalt entflohen. Jetzt schnell das alte Fahrrad greifen, das sie im letzten Sommer im Gebüsch versteckt hatten. Dann ins Dorf, wo der Tankwart hoffentlich noch seinen Laden auf hatte. Und dann zurück mit Bier und Chips. Noch mal auf den Zettel schauen, was sie diesmal wieder wollten, dann noch mal das Kleingeld….oh nein! Scheiße, nein, das gibt es doch nicht! Noch mal die andere Tasche, aber nein es hätte doch hier drin…und wenn er es liegen gelassen hatte?

Als er um die Ecke zurück lugte, wurde die Angst zur Gewissheit: Auf dem Pflaster kurz vor Karins Wachhäuschen sah er es funkeln. Zwei Zehner und fünfzig Cents. Er wollte fluchen, als die Racke plötzlich vor ihm stand. Es war vorbei. Für ihn, für Johann, für alle.

Luca DuMont

[Short Story Slam: Oktober 2006; Pflichtbegriffe: Blumenbeet, Kaugummi, Fahrrad, Jeans; Zeit: 30 Minuten]

Foto: Patator (stock.xchng)

PS: Crossposting auf missxyz.de, dort findet ihr auch die Geschichte von MissXyz die beim gleichen Contest enstanden ist: http://www.missxyz.de/?p=98

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Short Story Slam: Happy Buddha (Larry Version)

Eine abgekartete Aktion: Er lag geknebelt auf dem Boden, die Fesseln schnitten ihm in die Handgelenke. „Happy Buddha verarscht man nicht“, hatten sie ihm gesagt. „Happy Buddha versteht keinen Spaß“, mehr und mehr sah er das ein. Seine Taschen waren prall gefüllt mit feinen
Scherben, zuerst hatte er sie für Reiskörner gehalten. So fühlte es sich jedenfalls an. Doch dann hatte ihn Happy Buddha auf dem Handy angerufen, das ebenfalls in seiner rechten Hosentasche steckte. Der Vibrationsalarm trieb ihm die Scherben ins Fleisch und jedes Mal wenn Happy Buddha anrief, stöhnte er auf. Es war eine stille Rache.

Er lag auf dem Boden einer Garage, nahe Karlsruhe, hier hätte der Deal laufen sollen: Guter Stoff gegen gutes Geld. Nur dieses eine Mal hatte er einen kleinen Trick probiert. Ein wenig vom Stoff hatte er gestreckt, vom extra Gewinn wollte er sich endlich einmal den lang ersehnten Urlaub finanzieren. Buddha hatte aufgebracht den Aktenkoffer fortgeworfen, und eine leere Flasche in seine Richtung geschleudert. Er war davon gehechtet, hatte den abgebrochenen Flaschenhals gegriffen und war zu ihm gestürzt. Ein Fehler, unüberlegt hatte er gehandelt. Ein Schlag auf dem Hinterkopf hatte ihn überraschend hart getroffen, während er zu Boden ging, sah er Happy Buddha milde lächeln.

Die Flammen fraßen sich nun schon die Wände entlang. Von irgendwo hörte er Sirenen, sie hörten sich an wie ein Sample einer Techno-CD. Der beißende Qualm vernebelte ihm die Sicht. Das Feuer kam näher und näher. Er spürte die hungrige Hitze. Er versuchte seinen Frieden zu machen. Er schloß die Augen, versuchte sich seinen vermasselten Urlaub vorzustellen. Er dachte an das Meer, an lachende Menschen und den feinen Sand. Der blaue Himmel. Sein Handy vibriert zum letzten Mal. Er stöhnt. Happy Buddha versteht keinen Spaß.

Larry Lasalle

[Short Story Slam: Oktober 2006; Pflichtbegriffe: Flaschenhals, Aktenkoffer, Vibrationsalarm, Techno-CD, Reiskörner, Karlsruhe; Zeit: 20 Minuten + 10 Minuten Extra-Time]

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Short Story Slam: Happy Buddha (Luca Version)

Happy Buddha

Ich sah das Mädchen auf dem Bahnsteig in Richtung Karlsruhe wieder. Sie trug immer noch das gestreifte T-Shirt, das mich auf Grund der Musterung sofort unwillkürlich an Indien erinnert hatte. Ihr langer orangefarbener Rock reichte ihr fast bis zu den Schuhen. Über die Schulter trug sie eine große Umhängetasche, aus der das Kabel eines MP3-Players nach oben zu einem überdimensionierten Kopfhörer führte, der ihr Gesicht auf Grund seiner Größe umso kleiner erschienen ließ. Langsam ging ich auf sie zu und sprach sie an: „Hey, wir kennen uns doch, oder?“ Das war noch nicht einmal gelogen, hatte ich doch zwei Stunden zuvor in einem Chinarestaurant in der Bahnhofsgegend zu Mittag gegessen und mich beim Versuch die Reiskörner auf einem Stäbchen zu balancieren, ziemlich lächerlich gemacht. Sie saß am Tisch schräg gegenüber und hatte gelacht. Nun schaute sie mich aus ihren großen braunen Augen an und sagte mit weicher Stimme: „Ja kann schon sein, kann ich dir helfen?“ In diesem Moment wusste ich, dass ich gefunden hatte, was ich die ganze Zeit gesucht hatte. Mein Leben hatte eine neue Bedeutung bekommen, das schnöde Zusammenspiel aus Arbeit und Freizeit in Form einer allabendlich angehörten Techno-CD hatte ein Ende. Ja, ich hatte Happy Buddha endlich gefunden, und er war mir in Form einer Frau erschienen. Ich breitete meine Arme aus, wollte das neue Glück umarmen, es für einen winzigen Moment für mich behalten. Sie wich zurück, sah mich nun aus ängstlich-verwirrten Augen an. In diesem Moment begann der Vibrationsalarm meines Handys in der Tasche zu klingeln, ich kam wieder zur Besinnung.

An das nun folgende erinnere ich mich nur noch so, als wäre es ein Traum gewesen. Ich muss den Aktenkoffer fallen gelassen haben, denn als ich später in der Bahnhofsmission wieder zu mir kam, war er nicht mehr da. Dann muss ich nach Aussage der zwei liebenswerten Penner zusammengesackt auf den Boden gefallen sein, so als habe mich meine ganze Lebenskraft auf einmal verlassen. Das erste woran ich mich wieder erinnere, ist der brennende Geschmack des billigen Kornbrandes der sich aus dem engen Flaschenhals in meinen Rachen ergoß und mit dem mich die Beiden in das Reich der Lebenden zurückholten. Karl und Joachim sind jetzt meine besten Freunde, wir warten jeden Tag auf dem Bahnsteig nach Karlsruhe. Wir beobachten aufmerksam jeden Zug, aber bisher ist er uns noch nicht wieder begegnet. Happy Buddha, wann kommst du?

Luca DuMont

[Short Story Slam: Oktober 2006; Pflichtbegriffe: Flaschenhals, Aktenkoffer, Vibrationsalarm, Techno-CD, Reiskörner, Karlsruhe; Zeit: 20 Minuten + 10 Minuten Extra-Time]

Foto: Mrinkk (stock.xchng)

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